Kaiserstraße Rathaus
Kaiserstraße 50 Das ehemalige Rathaus (Bürgermeisteramt) - noch von der Gemeinde Pannesheide geplant und von der ab 1908 offiziell Kohlscheid genannten Gemeinde genutzt, wurde bereits im Kohlscheider Straßenspiegel von 1988 erwähnt. Weitere interessante Details erhielten wir von unserem Mitglied Herrn Prof Dr. A. H. Murken. Wir übernehmen nachstehend seinen Aufsatz ungekürzt:
Zur Geschichte des ehemaligen Rathauses Kohlscheid Das alte Rathaus Kohlscheid, das im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts im historischen Baustil errichtet worden ist, stellt eines der interessantesten Gebäude Herzogenraths dar. Die damals für die Planungen des Bürgermeisteramtes zuständige Gemeinde Pannesheide entschied sich 1905 für einen zweigeschossigen Gebäudekomplex an der Peripherie und nicht, wie ursprünglich diskutiert, in der Mitte des damaligen Dorfes Kohlscheid an der Kaiserstraße, die 1904 ihren Namen nach dem regierenden Kaiser Wilhelm II. erhalten hatte. Dieser Standort in einem noch unbebauten Randbezirk bot sich insofern an, weil er verkehrsgünstig an einer Straßenkreuzung lag und die ehemalige Straßenbahn von Depot zum Markt in Kohlscheid vorbeiführte. Nachdem der Gemeinderat 1905 dem Entwurf des Herzogenrather Baumeister Mybs zugestimmt hatte, begann man ein Jahr später mit den ersten Vorarbeiten. Allerdings änderte man die Baupläne für das Rathaus im Frühjahr 1907 bereits vollständig und folgte einer für besser gehaltenen Baulösung des Aachener Regierungsbaumeisters Erich Schmidt. Der Architekt Schmidt, der zur gleichen Zeit in Aachen am Ausbau des Reiff-Museums beschäftigt war, verlagerte im Gegensatz zum Baumeister Mybs das Treppenhaus auf die Hofseite und änderte entscheidend die Grundrißführung. Er entwickelte entlang der Kaiserstraße einen neubarocken Baukörper, der mit seiner Hauptfassade durch Vor- und Rücksprünge in drei Gebäudeteilen gegliedert ist. Ein hohes, nach Süden abfallendes Walmdach überzieht in mehreren Abstufungen den gesamten Baukomplex. Der eigentliche, rechteckig angelegte Hauptteil mit dem repräsentativen Foyer und dem Rathaussaal 13 im Obergeschoß, an der Kreuzung Kaiser- und Friedrichstraße gelegen, hebt sich durch die paarig angelegten sechs Fensterachsen und durch den ratifizierten Portikus mit seinem bekrönenden Balkon besonders heraus. An den Hauptteil schließt sich nach Süden ein rechteckiger, zurückspringender Gebäudetrakt an, der in den breiteren, südlichen Flügel mit eigenem Eingang und Treppenhaus für die Wohnung des Bürgermeisters übergeht.
Am 5. Juli 1907 schrieb die Gemeinde Pannesheide die Verdingung für den Bauentwurf öffentlich aus. In der Anzeige der „Aachener Post“ heißt es dazu: „Neubau eines Verwaltungsgebäudes nebst Bürgermeisterwohnung für die Gemeinde Pannesheide. Die Erd- und Maurerarbeiten einschließlich Materiallieferung sollen öffentlich verdungen werden.... Zeit der Ausführung: Sommer und Herbst dieses Jahres“. Der gesamte Gebäudekomplex wurde im Laufe des Jahres 1908 fertiggestellt und Anfang 1909 von der Verwaltung bezogen. Die erste Sitzung des Gemeinderates fand am 26. Januar 1909 statt. Neben den Verwaltungsangelegenheiten von Pannesheide wurden auch die Buchhaltungen und Kassen der Gemeinden Kohlscheid, Laurensberg und Richterich in dem neuen Gebäude zusammengefaßt.
In einer Jubiläumsausgabe der „Aachener Post“ vom 1. Dezember 1909 wurde das neue Gemeindezentrum in Kohlscheid sehr ausführlich gewürdigt, indem man es mit all seinen Einrichtungen und Funktionen ausführlich verstellte: „Bei der Durchbildung des Äußeren des Gemeindehauses wurde trotz einfachster Ausführung besonders Wert gelegt auf gute Gruppierung und seine farbige Wirkung. Diese wurde erreicht durch Anwendung eines gelben Terravovaputzes in verschiedenen Tönen, der gut zusammengeht mit den geschieferten Mansardenflächen und dem in gelbrötlichem Sandstein ausgeführten Gebäudesockel und Hauptportal. “
(Zeitungsartikel vom 1.12.1909, Stadtarchiv Herzogenrath „Das neue Rathaus in Kohlscheid“).
Mit großer Sorgfalt war der Innenausbau durchgeführt worden, wobei man nicht nur auf ein großzügiges Treppenhaus mit Stufen aus „Kunstgranit“ und einen hellen , über fünf Meter hohen Rathaussaal Wert gelegt hatte, sondern sich auch sehr modern für Bodenbelag aus Linoleum zur besseren Schallisolierung entschieden hatte. Über dem fast sechs Meter hohen Ratssaal legte man innerhalb der Mansardengeschosse einen Entlüftungsturm mit einem kupfernen Helm an. In dieser Dachhaube installierte der Kohlscheider Uhrmachermeister Wilms 1911 eine Turmuhr. Im Erdgeschoß des Haupthauses lagen gleich neben der zum Foyer führenden Treppe auf der linken Seite die Kanzlei und auf der rechten die Räume der Polizei, die im Kellergeschoß noch über zwei Haftzellen verfugte.
In den folgenden Jahrzehnten baute man das Rathaus weiter aus: 1924 richtete man im Dachgeschoß eine Wohnung ein. Von 1969 bis 1971 fügte man auf der Nordseite dem Altbau einen viergeschossigen Flügel für die Verwaltung an. In den sechziger Jahren hatte man die Stirnseite des Rathaussaals mit einem über vier Meter hohen Relief zweier Bergleute ausgeschmückt, dessen Künstler leider heute unbekannt ist.
Mit der Eingemeindung von Kohlscheid in die Stadt Herzogenrath im Jahre 1972 wurde das alte Bürgermeisteramt überflüssig. Die Stadt Herzogenrath errichtete in den siebziger Jahren ein neues Verwaltungsgebäude und verkaufte 1979 das Kohlscheider Rathaus, das siebzig Jahre seinen Dienst getan hatte, an den Kreis Aachen. Seitdem beherbergt das Gebäude verschiedene Nebenstellen von Verwaltungseinrichtungen des Kreises Aachen, zu denen die Kreisbildstelle, der Schulpsychologische Dienst und eine Außendienststelle des Gesundheitsamtes gehört. Ebenso hat das 1998 gegründete „Forum für Kunst und Kultur Herzogenrath in der Euregio“ und der schon seit drei Generationen bestehende „Heimatverein Kohlscheid 1932 e. V.“ seit Juni 1995 in diesem denkmalwürdigen Rathausgebäude eine Bleibe gefunden.
Axel Hinrich Murken