Heimatverein Kohlscheid 1932 e.V.
Heimatverein Kohlscheid 1932 e.V.
Heimatverein Kohlscheid 1932 e.V.
Kohlscheider Geschichte bewahren – Heimat erleben

Südstraße Teil 2

Infrastruktur

Im Haus Südstraße 4, wo sich seit 1964 eine Verkaufsstelle der Firma Albrecht (Aldi) befindet, war kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Gaststätte "Neue Welt" mit einem nach damaligem Zeitgeschmack modernst eingerichteten Saal. Das Haus war nicht nur ein bekanntes und beliebtes Tanzlokal mit Gaststätte, im Saale mit der weiten Bühne fanden auch die ganz großen Veranstaltungen der Vereine statt - so u.a. eine Aufführung der Passion. In diesem Saale befand sich Kohlscheids großes Kino, das "Bavaria Theater".

Nachdem Martin Eck schon im Saale seines Lokales "Germania" (Markt 49) vereinzelt Kinovorführungen ermöglichte, eröffnete er im Hause Südstraße 4 nach einem Tausch der Gastwirtschaften mit seinem Schwager Forst dieses Bavaria-Theater zu Anfang der 20er Jahre. Nach einem erneuten Tausch der Gebäude übernahm dann Wilhelm Forst das Filmtheater. Ende der 20er Jahre wurde das Bavaria an L. Drucks, bisheriger Betreiber des Kinos Schauburg an der Weststraße, verpachtet. Das Kino diente in der Hitlerzeit der NSDAP und ihren Gliederungen zur Durchführung von Großveranstaltungen. Drucks führte das Kino bis kurz vor der Evakuierung Kohlscheids (Herbst 1944) und konnte noch gerade rechtzeitig die Vorführmaschinen in Sicherheit bringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete das Bavaria in der ersten Septemberwoche 1945 als erstes Lichtspieltheater im Kreise Aachen seine Pforten, nun unter der Geschäftsführung Bück-Bücken. Es sollte dann auch als erstes Kino des Kreises Aachen am 31. Dezember 1960 für immer seine Pforten schließen, als in den 50er Jahren wegen der Zunahme des Fernsehens das große Kinosterben begann.

Am 21. Februar 1885 beschließt der Kreistag die Gründung der "Darlehnskasse für den Landkreis Aachen", der Vorgängerin der heutigen Kreissparkasse. Es dauert dann noch 12 Jahre, bis im Juni 1897 in Kohlscheid eine Filiale errichtet wird. Der steigende Geschäftsumfang macht einen Neubau notwendig. Im November 1965 verläßt die Kreissparkasse ihre bisherigen Kassenräume (Weststraße 23), um den auf ihre Belange hin gebauten Neubau (Südstraße 1-3) zu beziehen, der aber schon 1975/76 und 1981 erweitert werden muß.

1930 kauft die Pfarrgemeinde St. Katharina die ehemalige Möbelfabrik Eduard Amkreutz (Südstr. 11) und richtet in den Werkstätten ihr Jugendheim ein; das Vordergebäude und der Mitteltrakt dienen auch weiterhin vorzugsweise Wohnzwecken. In den drei Sälchen und den beiden "Vereinszimmern" finden die kirchlichen Vereine ihr lang vermißtes Zuhause. Im neuen Heim entwickelt sich bald reges Leben, das jedoch schon kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zuerst behindert, dann verboten wird. Auch die Borromäus-Bücherei hat hier nach 1938, bis zur Beschlagnahme und zum Abtransport ihrer Bücher in den Keller des Rathauses, sowie ab Herbst 1945 ihr Domizil.

Die Straßeneinmündung Südstraße/Kaiserstraße wird "Am Dreieck" genannt; diesen Namen trägt auch die dortige Gaststätte (ehemals: "Engels Schängche"). Die Einheimischen nennen die Straßeneinmündung "et Dreijkäntche", Ende des 19. Jahrhunderts als "Dreikänkge" aktenkundig. 1898 wird durch den Gemeinderat festgelegt, daß die Grenze zwischen Vorscheid und Kohlscheid am "Dreikengehen" verlaufen soll. Hier befand sich vor/um 1810 ein Schacht der Grube Langenberg, 1825 noch unter dem Namen Sattelschacht bekannt.

Südstraße 65/67 lag die ehemalige Möbelfabrik Arnold Ernst mit ihrem weiten Fabrikgelände. Sie ging aus der kleinen Schreinerei Amkreutz hervor, die an der Puetgasse lag. 

An der Straßeneinmündung Südstraße/Annastraße liegt 1822 das "neue Brauhaus", etwa dort, wo bis vor wenigen Jahren die Tankstelle Horbach war. 1830 ist hier die Gießerei des Belgiers Malessa.

Im Bereich der Konzession Hankepank entstand 1861 an der heutigen unteren Südstraße, südlich des Hauses 163, ein Tagebruch; die Grube verfüllte ihn mit Bergen, in denen viele kleine Kohlenstücke waren. "Weiber, Kinder und Invaliden" suchen die Kohlenstücke für den eigenen Gebrauch heraus, als am 9. März 1861 der Tagebruch erneut niedergeht. 18 Personen werden mitgerissen und verschüttet - für sie gibt es keine Hilfe; nicht einmal die Leichen können geborgen werden. Nachdem die amtlichen Ermittlungen am 15. März abgeschlossen wurden, kann der Bruch wieder verfüllt werden. Länger als 100 Jahre erinnert an dieses Massengrab ein Kreuz, welches 1980 beim Ausbau der Südstraße verschwand. Wen hat es gestört? War die Entfernung dieses Kreuzes wirklich nötig?

Am Ende der Südstraße lag östlich der Straße die "Remys Wiese", auch "Schützenwiese" genannt. Auf ihr fanden viele Feste der Kämpchener Bevölkerung statt, auch eine kleine Kirmes. Diese Wiese war als Standort für die über Jahrzehnte von den Kämpchenern ersehnte eigene katholische Kirche gedacht. Doch mit ihrem Bau an der Josef-Lambertz-Straße blieb das Grundstück frei. 1971 wurden die großen Wohnblocks errichtet ( Habichtstraße), die auch gerne "Lube-Blocks" genannt werden ( Oststraße). Durch ihre Größe vermitteln sie einen weder für die Südstraße noch für Kohlscheid typischen Eindruck.