Weststraße
Die Weststraße erhielt 1904 ihren derzeitigen Namen, nachdem der Gemeinderat dem 1903 gegründeten Verschönerungsverein Anfang des Jahres den Auftrag erteilt hatte, die Kohlscheider Straßen mit offiziellen Namen zu versehen, Straßenschilder zu bestellen und Hausnummern für den "Hauptort Kohlscheid" festzulegen. Vorher, mindestens seit 1862, hieß die heutige Weststraße Bahnhofstraße, weil sie die Ortsmitte an den im Jahre 1853 errichteten Bahnhof anband. Um die Jahrhundertwende war dieser Name voll gebräuchlich.
Doch sind für die Weststraße noch weitere Bezeichnungen bekannt. Ein Wegekreuz an der Ecke Mühlenstraße/Nordstraße, es stand nach der Carte Figurativa der Herrschaft Heyden dort schon im Jahre 1709, hat wahrscheinlich den Ausschlag gegeben für die beidseitig der oberen Weststraße im 18. und 19. Jahrhundert geläufigen Bezeichnungen "An der Kreutzstraße" und "Gegen die Kreutzstraße". Es ist aber auch möglich, daß der noch 1830 hier existente Kreutzerhof den Namen gab. 1895 heißt das kleine Straßenstück zwischen der West- und Mühlenstraße noch Kreutzstraßenecke. Hier blieb die alte Bezeichnung erhalten. Die alte obere Weststraße war nur bis etwa gegen die heutige Straßeneinmündung Weststraße/Ebertstraße bebaut. Kleine Zonen älterer Bebauung, allerdings teilweise durch moderne Um- und Anbauten verändert, sind erhalten geblieben: Weststraße 7, Weststraße 28-36 und, nachdem vor 1938 der Bauernhof im heutigen Bereich Weststraße/Einsteinstraße niedergelegt wurde, Weststraße 65/67. Dieser Bauernhof gelangte 1894 in den Besitz des Metzgers Johann Josef Kahlen, der ihn von Wilhelm Josef Prickartz übernahm. Mitglieder der Familie Prickartz waren in Kohlscheid während der Zeit des Eigentümerbergbaus als Grubenbesitzer und auch immer wieder als Schöffen des Heydener Ländchens tätig.
Die untere Weststraße war vor dem Bau der Roermonder Straße mit der heutigen Banker Straße nahtlos verbunden und hieß Viehweg. Nach dem Bau der Roermonder Straße blieb der Name Viehweg sowohl für die heutige Banker Straße als auch für die untere West-Straße erhalten. Die Bezeichnung Viehweg, schon 1687 gebräuchlich, gab es auch für die Wohn- und Ortslage Viehweg am und im Viehwegsfeld, das vom Viehweg durchschnitten wurde. Viehweg ist 1876 noch ein Weiler der Bürgermeisterei Pannesheide. Die Einheimischen benutzten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bezeichnung Viehweg, nun für die ganze Weststraße, und nannten die dortige Elementar- bzw. Volksschule "die Knabenschule am Viehweg".
Weststraße 9 lag die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründete Eisenwarenhandlung Heinrich Eck (siehe: Nordstraße).
Das ehemalige Schulgebäude Weststraße 44 gehörte ursprünglich der Familie Schümmer und wurde von Johann Josef Schümmer, Direktor der Grube Laurweg, 1835 "An der Kreutzstrahs" errichtet. Das Grundstück und das Schulgebäude an der Weststraße wurden dann 1910 für 25.000 Mark verkauft. Die Firma Grave und Lüttger aus Aachen richtete in der Schule eine Zigarrenfabrik.
Westlich der Apotheke Engelsing kreuzte von 1853 bis 1958 die Eisenbahnlinie Kohlscheid-Würselen die Weststraße; ein beschrankter Bahnübergang sicherte den Straßenverkehr. Auf dem ehemaligen Eisenbahnkörper soll nach den Vorstellungen des für Kohlscheid aufgestellten Rahmenplanes einmal eine Straße verlaufen. Noch gibt es an der Weststraße die Betriebsgebäude der ehemaligen Firma Hillko. Schon im Jahre 1870 veranlaßte Carl Hilt (siehe: Carl-Hilt-Straße) die Gründung eines "Consum-Vereins".
Im ehemaligen Saale Rehahn, ehemals Kegelcity (Weststraße 93), war im Ersten Weltkrieg die Kriegsküche der Gemeinde, in den 20er Jahren befand sich hier ein Kino mit dem Namen "Schauburg", Ende Oktober und November 1944 war hier ein Auffanglager für zivile Flüchtlinge, eingerichtet durch die amerikanische Armee.
In der ehemaligen Getreidemühle und Futtermittelhandlung Pergens (Weststraße 114) begann im November 1986 die "Krabbelkiste" ihre Tätigkeit. Es ist eine durch Elterninitiative geschaffene Einrichtung, die Kleinst- und Kleinkinder betreut.
Am südlichen Straßenrand der unteren Weststraße, dem großen EBV-Parkplatz gegenüber, liegt noch ein kleiner, auf der Rückseite umwallter Maueraufbau. Hier ist der Eingang zum Luftschutzstollen, in dem viele Kohlscheider in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges Schutz bei Luftangriffen suchten. Ab Mitte September 1944 diente er, als die Front über Kohlscheid hinwegrollte, den Kohlscheidern als sichere Zufluchtsstätte.
Im Gebäude Weststraße 104 richtete am 22. Februar 1894 der Apotheker Erwin Spode eine Apotheke ein; er nannte sie Adler-Apotheke. 1908 übernahm der Apotheker Karl Engelsing die Apotheke und errichtete 1912 an der Ecke Weststraße/Ebertstraße ein neues Apothekengebäude. Heute führt Dr. Rolf Engelsing die Apotheke in der dritten Generation.